Auf ein Wort | 20.08.2010 18:20 Uhr
Der Ausbruch der gequälten Kreatur Stier
Mitleid, so sagt man, ist ein Kulturerzeugnis und wird anerzogen. Nur bei hochentwickelten Lebewesen wie dem Menschen lässt sich ein innerer Spiegel aktivieren, der das Schicksal des anderen in die eigene Seele reflektiert und die Fähigkeit des Mit-Leidens hervorbringt. Dieser andere muss nicht einmal der eigenen Art angehören, ganz im Gegenteil: Gegen den Filmbericht aus dem Tierversuchslabor, der Legebatterie oder vom einsamen Eisbären auf schmelzender Scholle kommen die 1000 Toten aus dem indischen Fährunglück einfach nicht an. Selbst King-Kong unter Hubschrauberbeschuss oder E.T. mit Heimweh schlagen emotional mühelos jede orientalische Klageprozession. Während wir das Leid unserer Artgenossen als nüchternen Schadensbericht einer ohnehin überbevölkerten Welt zur Kenntnis nehmen, gründen geschundene Tiere und sogar außerirdische Stoffpuppen in unserem Gehirn augenblicklich eine Bürgerinitiative.
Und das ist auch der Grund, warum wohl kaum jemand auf das Spendenkonto "Stierkampf-Tribünenopfer" einzahlen würde. Zu gern würde ich wissen, wie viele Landsleuten gestern Abend in seelischer Verwandtschaft bei mir auf dem Sofa gesessen und mit gefiebert haben, ob es der entnervte Bulle hoffentlich noch über den letzten Absperrdraht schafft und seinem Hinrichtungspublikum eine wohlverdiente Blaulichtfahrt ins Krankenhaus beschert. Leider lässt sich mein Mitleid nämlich nicht vorschreiben, auf welche Seite es sich korrekterweise zu schlagen hat. Wenn Sie es wünschen, dann will ich mich ja auch gerne schämen, aber diese Form spanischer Folklore weckt einfach den Stier in mir, ich nehme seine Perspektive ein, scharre mit den Füssen und fühle meine letzte Lebensstunde mit der zornigen Erkenntnis: Den Sangria-Pöbel dürstet es nach Blut, das kann er haben.
Aber vielleicht bin ich im "Europa der Kulturen" einfach noch nicht angekommen und starre noch zu engstirnig auf den heimatlichen Wertekanon, in dem man kanarische Hunde adoptiert und fürs Tierheim spendet. Undenkbar, dass der Kreisbauernverband Mittelangeln zur Corrida bläst und die Satruper Landjugend hinter roten Tüchern ein paar Schwarzbunte vor großer Kulisse zu Tode piekst. Vielleicht muss ich mich aber gerade als Europäer wundern, dass ein schwerer Verstoß gegen das hiesige Tierschutzgesetz im übernächsten Mitgliedsland zum beliebten Nationalsport zählt. Vielleicht könnte man auf einem europäischen Gipfeltreffen mal klären, warum mir ein spanischer EU-Kommissar zwar den Neigungswinkel meines Garagendachs vorschreiben kann, aber nicht im Gegenzug die Anordnung erhält, dass blutiger Schabernack mit Nutztieren auch bei ihm daheim zu unterlassen ist.
Seit gestern sogar zum wohlverstandenen Schutz der eigenen Bevölkerung. Obwohl sich trotz der endlos wiederholten Bilder vom rasenden Stier im Publikum immer noch kein korrektes Mitleid einstellen will. Oder bin ich nach 40 Jahren Tagesschau zum Zyniker geworden, der dem Schmerz der anderen nur noch ein tatenloses Achselzucken widmet?
Über diese Frage sollte ich unbedingt nachdenken, aber das muss warten, denn gerade rudert eine Wespe in meinem Sprudelglas um ihr Leben. Und die muss vorher unbedingt gerettet werden.
Autor: Detlev Gröning
Stand: 20.08.2010 16:12 Uhr
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