Man kann es auch positiv sehen: So hat die Kuh, die ihr Leben lang auf einer Stelle in Anbindehaltung steht, sogar ihre Kälber dort gebären muss, wenigstens etwas Bewegung - Sarkasmus wieder ausschalt.
Was in den Ställen der "Nutz"tiere abgeht, ist ehe unvorstellbar für die Leute, die sonst nichts im Stall zu tun haben. Ich wußte es vor meinem Studium auch nicht. Die, die damit ihr Geld verdienen haben leider ein hartes Fell. Wie heißt es so schön: "Rinder sind sehr leidensfähig." Ein Satz, den ich inzwischen nur all zu oft gehört habe. Kuhtrainer sind da noch harmlos.
Auf dem Weg zur Schlachtbank bzw. zum Bolzenschußgerät sind auch "elektrische Treibhilfen" wie man diese brutalen Geräte euphemistisch nennt, erlaubt. Gerade die Kühe, die ein Leben lang nur auf einer Stelle standen, sind wenn sie plötzlich vom LKW laufen sollen und dann noch vielleicht 20 m zum Bolzenschußgerät einfach überfordert. Vom Licht geblendet, vom Transport schon in äußerster Panik bleiben sie oft einfach laut brüllend auf einer Stelle stehen. Sie gehen keine Schritt vorwärts, egal wie sehr der Knüppel benutzt wird. Aber die nette "Treibhilfe" bingt sie dann doch dazu sich dem fauenden Ungetüm zu nähern. Denn das Bolzenschußgerät wird mit Druckluft betrieben und ist sehr laut. Auch das verängstigt die Kühe natürlich noch mehr. Dazu der Geruch von Blut... Aber der Schmerz läßt ihnen keine Wahl. Innerhalb von Minuten hängen sie am Hinterbein in Reihen - noch zuckend und sich windend ausblutend. Ich möchte nicht ausprobieren, wie viel man in diesem Zustand noch fähig ist wahrzunehmen. Fragt man die Verantwortlichen, bekommt die Kuh natürlich gar nichts mehr mit...
Im Stall werden OPs im Stehen durchgeführt. Kühe werden anders als Menschen oder Kleintiere nie in eine bewustseinsausschaltende Narkose gelegt. Sie bekommen immer nur eine Lokalanästhesie. D. h. die betroffenen Hautnerven werden per Spritze in die Nähe des Nerves ausgeschalten. Leider kann man damit aber nicht die Muskelschichten tiefer im Kuhbauch erreichen. Und auch die Haut ist oft nicht genügend betäubt. Die Tiere springen oft vor Schmerz einen halben Meter vor und zurück. Weiter können sie dank Absperrungen nicht fliehen. Sie stöhnen. In der Humanmedizin oder auch bei den Kleintieren wird (zumindest an der Uni) sorgfältig drauf geachtet, dass der Patient keine Schmerzäußerungen oder auch nur Bewegungsreflexe zeigt. In so einem Falle werden die Narkotika sofort nachdosiert. Nicht so bei Kühen. Ich habe OPs gesehen, wo es fast unmöglich war die Kuh auch nur wieder zuzunähen, weil sie hin und her sprang. Werden die tiefen Muskelschichten durchtrennt hab ich es nie anders gesehen. Aber Narkotika in der erforderlichen Menge sind halt "teuer" - 20 Euro mehr oder weniger machen hier schon einen gewaltigen Unterschied. Geht auch ohne - dauert halt nur etwas länger. Auf diese Art werden Kaiserschitte durchgeführt, der Pansen wird eröffnet um Fremdkörper zu entfernen oder Klauen werden amputiert (nur eine Hälfte - denn dreibeinige Kühe könnten aufgrund ihrer Massen nicht mehr laufen).
Letzters wird dann im "Klauenpflegestand" gemacht, wo die Kuh gefesselt auf die Seite gedreht werden kann. Hier werden die Geschwüre ausgeschnitten - das Horn drumherum wird entfernt bis es im Rinnsal blutet. Beteubung gibt es natürlich keine. Man stelle sich vor man bekäme einen entzündeten Zehennagel bis aufs Blut eingeschitten, ist gefesselt, kann sich nicht wehren... Da Kühe dank der Haltung auf zu hartem Spaltboden oft Klauengeschwüre bekommen, haben sie mit nur einer Klaue (nach Amputation der anderen) meist kein langes Leben mehr. Müssen sie aber auch nicht. Denn Klauen werden z. B. auch amputiert, weil die Kuh das Kalb mit dem sie gerade schwanger geht (Tiere "tragen", "werfen" oder "fressen" nicht - das tun höchstens die, die für Tiere derart abwertende Bezeichnungen erdacht haben) nach bekommen soll. So kann man zumindest noch ein Kalb mehr mästen und noch mal Milch verkaufen, ehe das Tier nur noch den Schlachtpreis wert ist.
Gerade Probleme in Folge oder im Zusammenhang mit den häufigen Geburten sind bei Kühen häufig. Andere Krankheiten wie sie beim Menschen oder beim Kleintier behandelt werden, sind bei Kühen sind dagegen kaum beschrieben. Nicht weil es sie nicht gibt. Ganz einfach, weil sie nie behandelt werden. Diabetes, Nieren- oder Herzprobleme etc... Darüber ist in der Vet-Med kaum etwas bekannt. Wenn eine Kuh daran erkrankt geht sie zum Schlachter. Die ganze Rinder"medizin" beschränkt sich neben etwas Chirurgie fast ausschließlich auf die "Reproduktion". Welches Hormon zu welcher Zeit, damit die Kuh noch drei Tage schneller wieder "aufnimmt" - also schwanger wird. Die Kühe werden schon wieder geschwängert, wenn sie noch Milch vom letzten Kalb geben. Nur wer ununterbrochen als Gebährmaschine fungiert hat das Recht auf ein beschissenes Leben.
Nennen wir sie Saskia. Sasika war eine "Kalbin", sie hatte also gerade ihr erstes Kalb im Bauch. Leider war der Stier, obwohl für "Kalbinnen" angeblich geeignet, wohl für sie zu groß, denn ausgewachsen sind die Kühe bei der ersten Schwangerschaft noch nicht. Jedenfalls war Saskias Mitkuh - ebenfalls eine Erstgebährende - auch schon mit Kaiserschnitt entbunden worden, weil ihr Kalb für den zu engen Geburtsweg zu groß war. Leider mit "Totalverlust" - sprich Kalb und Mutter waren dabei gestorben. Der Bauer wollte deshalb, als es erneut Probleme, diesmal mit Saskia, gab, keinen Kaiserschnitt wieder zulassen. Noch eine Kuh wollte er seinem Konto nicht zumuten. Also entschied man sich für eine Fetotomie. D. h. das Kalb wird mittels schneidender Ketten, die man von außen durch die Vagina ums Kalb im Uterus schlingt, im Uterus der Mutter zerschnitten und stückweise aus ihr herausgezogen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Fetotomie
http://books.google.de/books?id=w29f...otomie&f=false
Bei Saskia dauerte die Prozedur über vier Stunden.
Leider war ihr Leidensweg damit keinesfalls zu Ende. Denn dank der Verletzungen, die ihr dabei im Vaginalbereich und im Uterus zugefügt wurden, bekam sie eine Phlegmone. Ihr gesamtes Hinterteil schwoll zu. Es war ihr in der Folge unmöglich Urin zu lassen. Täglich wurde vom TA ein Katheter geschoben, um den gestauten Urin abzulassen. Dabei wurde natürlich immer wieder in wunde Vagina gegriffen - anders kann man keinen Katheter legen.
Natürlich wollte Saskia in diesem Zustand auch kein Futter mehr aufnehmen bzw. nur noch wenig. Da ihr Stoffwechsel dank parasitenfreundlicher Zucht jedoch so ausgerichtet ist, dass an erster Stelle immer die Milchproduktion kommt, auch wenn die Zufuhr von Nährstoffen weit hinter dem Verlust dieser über die Milch zurücksteht, bekam sie eine Stoffwechselstörung. Sie fiel in eine Ketose. Diese allein ist immer lebensgefährlich. Tagelang war nicht klar, ob sie es schaffen würde. Aber da sie inzwischen Antibiotika erhalten hatte, war auch ihr Schlachtwert auf null gesunken. Antibiotika haben eine "Wartezeit" in der das Fleisch der betroffenen Tiere nicht verwertet werden darf. Der Parasit hat Angst, er könne Antibiotikarückstände in seinem wertvollen Steak finden. Also ließ man Saskia vorerst gewähren.
Erst drei Wochen nach der Fetotomie, als sich Saskias Zustand trotz überstandener Ketose kaum verbesserte (noch immer war die Phlegmone nicht ganz abgeklungen - noch immer verweigterte Saskia zu viel Futter, die Milchproduktion ging zurück), entschied man, "nicht mehr länger zu warten".
Wie alle Großtiere wurde Saskia mit T61 umgebracht. Bei Kleintieren ist T31 inzwischen ohne vorherige Narkose verboten, weil man annimmt, dass die Tiere jämmerlich ersticken. T61 lähmt die gesamte Muskulatur - natürlich auch die Atemmuskulatur. Das Tier kann sich jedoch nicht mehr bemerkbar machen. Selbst zur Lautäußerung sind ja Muskeln nötig. Von außen sieht also alles ganz friedlich aus. Bei Großtieren ist T61 natürlich nach wie vor OHNE Narkose erlaubt. Wie gesagt, es sieht alles ganz friedlich aus. Normalerweise. Nicht jedoch bei Saskia. Warum auch immer, für sie reichte die Dosis nicht aus. Sie fiel zwar kurz nach der Injektion wie ein Stein zur Seite, aber sie pumpte weiterhin mit großen Augen nach Atem ringend. Eine zweite und dann noch eine dritte Spritze wurde aufgezogen und ihr intravenös in den Hals verabreicht, wozu ihr Kopf nochmals am Gitter "fixiert" also gefesselt werden musste. Erst dann erstickte sie. Kurz darauf wurde die dritte "Erstkalbin" in diesem Stall per Kaiserschnitt entbunden.
Ich werde Saskia mein Leben nicht wieder vergessen... wie viele andere, deren Namen und Geschichten ich nicht so ausführlich kannte, ebenfalls nicht. Nie vergessen werden ich auch die vielen Kälber mit ihren wunderschönen Augen, die mit Durchfall angeliefert werden. Die meisten werden wieder gesund - nur damit sie anämisch-eisenarm ernährt und krank aber mit weißem dem "Verbraucher" so wertvollen Fleisch zum Schlachthof gekarrt werden können. Oder damit sie ein Schicksal wie Saskia ereilt - denn früher oder später geht die Milchleistung zurück, treten zu viele Probleme bei der Geburt auf, spielen die Klauen nicht mehr mit...
Bei Rindern wird gespart was das Zeug hält. Alle Medikamente müssen möglichst billig sein. Antibiotika oder Nichtsteriodale Antipholgistika, die in der Kleintiermedizin kaum noch verwendung finden, da zu alt, zu nebenwirkungsreich und überholt, überleben in der Rindermedizin nach wie vor. So wird z. B. Infusionflüssigkeit selbst hergestellt. Beim Menschen und beim Kleintier steril verpackt eingekauft, wird für Kühe einfach der Wasserhahn aufgedreht. Etwas Bikarbonat und Salz dazu gegeben - fertig ist die Infusionlösung, die kranken Tieren direkt in die Vene geträufelt wird. Die Tiere überleben trotzdem meist. Warum zum Teufel macht man beim Menschen so ein Getue? Auch der würde wahrscheinlich meistens überleben.
Mich hat das Rinder- und Schlachthofpraktikum nur eines gelehrt: Der Mensch ist eine Bestie, der keinerlei Ethik kennt. Für seinen Fraß geht er über Leichen - und er schämt sich nicht einmal dafür. Nein, er erhält für die noch effizientere oder billigere Therapie von Kälberdruchfällen etc. sogar noch Tierschutzpreise.
Ich schäme mich inzwischen dieser Art anzugehören.
Paramecium